Insta-Spam – Goodbye Instagram

Instaheader

Vor 12 Minuten: jellybelly92 postet ein Bild ihres Starbucksbechers, im Hintergrund ein Macbook:

  • #unilife #studytime #starbucks #vegan #almondmilk / Ortsangabe: Starbucks – Königsallee

Vor 9 Minuten: Applelover postet ein Bild seines neuen iPhone 6S , praktisch – es hat die Farbe seiner Armbanduhr:

  • Mix and Match #rolex #everrose #rose #iphone6s #new #blessed / Ortsangabe: Casino Monaco

Vor 8 Minuten: MissyMilla postet ein Bild ihrer Beine am Pool:

  • Cocktails and sunbaths #vacay #thesweetlife #instatravel #nofilter #tanned #ibiza / Ortsangabe: Islas Baleares Ibiza, Spain

Vor 6 Minuten: Kimilicious postet ein Bild vor ihrem Spiegel:

  • Bad Hair Day #longhairdontcare #potd #selfie #iwokeuplikethis #blonde #instamood / Ortsabgabe: My House

Vor 5 Minuten: JayJay33 postet ein Bild eines Weinglases. Scheinbar zufällig davor ein Ausschnitt der Armbanduhr:

  • Fuck #detox it’s time for #retox #audemar / Ortsangabe: Pebble Bar, Hyatt Hotel Düsseldorf 5*

Vor 3 Minuten: SusiSelina postet ein Gymselfie, perfekt geschminkt, natürlich: 

  • Work hard, play hard! #girlswholift #abs #fitforfun #nopainnogain #gymgirl #butlift #squats #sizezero / Ortsangabe: Holmes Place Königsallee

(Alle Namen und Szenerien sind frei erfunden – Parallelen dürfen euch zu denken geben, sind aber ebenfalls zufällig)

So (oder so ähnlich) sehen unsere Instagram News-Feeds aus. So (oder so ähnlich) sehen unsere Bilder aus. Aber so wollen wir dann auf Nachfrage hin so ganz und gar nicht wirken. „Ehm, ne, sollte nicht prollig/billig/willig/… wirken, das ist nur ne Momentaufnahme“. Sicher. Wir wissen doch alle: Du lügst. Wir lügen. Bilder sagen mehr als tausend Worte, das darf man an dieser Stelle nicht vergessen. Instagram stellt eine Plattform dar, die sogar noch mehr Raum für Interpretation bietet: Hier treffen Bilder auf Worte und Orte. Eine Mischung, die in den falschen Händen eine ziemlich negative Wirkung erzielen kann.

Donnerstag: L.y.n.n.e postet ein Foto:

  • Endlich in London #workandtravel / Ortsangabe: London, United Kingdom

Ein Foto eines London-Cabs mit erster Shoppingtüte in der Hand. Ich hab  mir nichts dabei gedacht, bis ich einen Spruch dazu bekommen habe, der mir zu denken gegeben hat: „Super, dann weiß ja jetzt jeder, dass du nicht zu Hause bist.“ – Stimmt. Ich lösche das Bild.

Erster Grund der gegen Instagram spricht: Transparenz bezüglich des Aufenthaltsortes. Kann fatal enden.

Sonntagnachmittag: L.y.n.n.e postet ein Foto:

  • Coffee and Fashion #sundayfunday /Ortsagabe: Düsseldorf (genauer werde ich zu Hause nicht, siehe Grund Nr. 1)

Es regnet, mir ist langweilig. Kind, lies ein Buch! Das würde mein Großvater mir raten. Nö, ich richte meinen Espresso lieber besonders hingebungsvoll an, platziere ihn neben einer edlen Duftkerze, lege scheinbar zufällig die neue Instyle dazu und im Hintergrund sieht man eine Orchidee oder meinen Hund. So saß ich natürlich NICHT den ganzen Tag lang da, doch der Drang, dieses Bild unbedingt mit der Welt zu teilen erscheint mir auf einmal unglaublich groß und ich muss es posten. Erst mit etwas Abstand dazu fällt mir auf, wie doof das eigentlich ist. Ich lösche das Bild.

Zweiter Grund, der gegen Instagram spricht: Langweile wird nicht mehr kreativ bekämpft, sondern durch irrelevante Inhalte gefüllt.

Montagvormittag: L.y.n.n.e postet ein Foto: 

  • Damn, it’s cold outside #jacketlove / Ortsangabe: Düsseldorf

Der Montag bricht an und ich stehe vor meinem Kleiderschrank. Dort hängt eine neue Jacke. Das Shirt hatte ich auch noch nicht an. Ich liebe die Mode, liebe es auch neue Kombinationen auszuprobieren doch heute ist es mein Beweggrund, das auch unbedingt zu zeigen. Vorm Spiegel stelle ich mich dann ein wenig auf die Zehenspitzen, das streckt die Beine optisch. Das Atmen stelle ich ein, der Bauch soll flach sein. Dann neige ich den Kopf zur Seite, als hätte ich ‚was am Nacken und schaue dezent an der Kamera vorbei. Soll ja nicht gestellt wirken. Dann drücke ich 38 Mal auf den Auslöser. Eines davon wird schon passen. Zack, hochgeladen und noch schnell die Labels auf dem Bild verlinken. Im Nachhinein fällt mir dann auf, dass man das Wort „Selfie“ an dieser Stelle eher durch „Alone“ ersetzen sollte, denn der Spiegel ist an sich kein sozialer Kontakt und sollte schon gar kein Photograph sein. Ich lösche das Bild. 

Dritter Grund, der gegen Instagram spricht: Der Drang, irgendetwas posten zu müssen, und zeigen zu wollen „was man hat“.

Ich könnte hier etliche Gründe aufzählen, die mich dazu veranlasst haben, mein Profil zu entfernen. Jeder könnte sicher viele Gründe finden (Mobbing, Statusprobleme, Neid, Minderwertigkeitsgefühle, es wird eh alles retuschiert, ein nicht gegebenes Like wiegt schwerer, als ein gegebenes Like gut tun könnte … ihr findet genug Aspekte). Viele von Euch denken sicher: „Selbst Schuld, wenn du dich davon unter Druck setzen lässt.“ Ja, das bin ich auch selbst Schuld, somit muss ich mich auch selbst davor schützen. Das ist doch häufig das beste Rezept gegen allerlei Spinnereien: Am besten können wir uns selbst helfen. Da ich weiß, dass „ein Bisschen Instagram“ für mich nicht funktionieren kann, da ich der Typ „ganz oder gar nicht“ bin, muss ich mich also entscheiden. Nun zu Gunsten meiner wertvollen Freizeit. Meiner wertvollen selbstbestimmten Freizeit.

Wenn ich eines nicht möchte, dann das Menschen mich anhand meiner Bilder analysieren. Sie sollen mich durch Gespräche, gemeinsame Momente oder durch meine Texte kennenlernen. Nicht durch geplant spontan wirkende Amateurfotos, die einen viel zu hohen Stellenwert vor allem im Bezug auf das eigene Selbstwertgefühl eingeräumt bekommen haben. Dazu möchte ich mich auch selbst erziehen: Ein Moment wird nicht wertvoller dadurch, dass ein Schnappschuss, der versucht ihn festzuhalten mit einer möglichst großen (okay, immerhin durch die Privatisierung meines Profils etwas selektierten) Masse an Menschen geteilt wird und dann auch noch ein belangloses „Like“ in Form eines kleinen Herzchens dafür erhält.

Ein guter Bekannter sagte einst: „Linda, vergiss nie: Deine Freunde, die erleben die Momente meistens mit dir, die brauchen deinen Instagram-Feed nicht als Erinnerung. Deine, wie sagt man, „Haters“, die würden dir nie ein „Like“ schenken. Auch und vor allem dann nicht, wenn ihnen gefällt, was sie sehen. Das ganze Prinzip basiert demnach nicht auf Ehrlichkeit. Wozu macht man sich den Stress?“

Es sei mal dahin gestellt, ob und wer überhaupt als „Hater“ bezeichnet werde könnte, darum geht es gar nicht. Aber er hat insofern Recht, dass ein Moment diese zweifelhafte Form der „Anerkennung“ oder der „Anpreisung“ nicht braucht. Ihr solltet von euren Erinnerungen zehren. Von den Geschichten, die ihr live und in Farbe davon zu berichten habt.

Was bringt es mir, auf Strände zu schauen, die ich nie besuchen werde, über Filter zu staunen, die die Wirklichkeit verzerren, und Cafés zu sehen, die ich nie besuchen werde? Ich sehe Fahrräder, auf denen ich nie fahren werde, sehe Menschen, denen ich nie begegnen werde und Parties, auf denen ich nicht getanzt habe. Dann Bilder von Essen, obwohl ich gerade keinen Hunger habe, Selfies, die für mich keinen Stellenwert haben und Lippenstiftfarben, die ich niemals tragen würde. Mehrwert? Ich suche vergeblich danach. Als ich dann manchmal bei mir selbst kleine Anflüge von Missgunst (doofe Kuh, warum hat die denn … und ich nicht…) entdeckte, habe ich mich gefragt, warum ich mich freiwillig solch negativen Schwingungen aussetze. Denn das gehört sonst nicht zu meinen Eigenschaften. „Linda, man muss gönnen können“ – Von klein auf wurde mir das so beigebracht. Klappt auch. Meistens 😉

Wie gesagt, mein Profil war seit einiger Zeit bereits limitiert, da ich es auf „privat“ umgestellt habe. Ein öffentliches Profil bietet eine noch viel größere Angriffsfläche. Wenn man es nicht gerade als raffiniertes Marketing-Tool benutzt (ganz anderes Thema), oder in der Lage ist, das ganze als „schöne Nebensächlichkeit für die fünf Minuten Überschuss an Zeit ind er U-Bahn“ zu benutzen, dann frisst es unsere wertvolle Zeit, die wir so viel besser und produktiver nutzen können.

Ich hoffe, es ist diplomatisch verpackt indem ich abschließend sage: Es muss jeder selbst wissen. Für mich war es definitiv ein Aspekt meines Alltags, der zu sehr aus seiner Nebensächlichkeit herausgewachsen ist und mich zu sehr beschäftigt hat. Ich schenke mir zum Winteranfang also „freie Zeit“, die es nun zu füllen gilt. Ich weiß auch schon wie.

Good-Bye Instagram, I won’t miss you.


Anmerkung der Redaktion (wollte ich immer schon mal schreiben, hahaha): Es handelt sich hierbei nur um Instagram für mein PRIVATLEBEN. Auf der „Business-Ebene“, also Tool für Marketingaufgaben, ist es eine ganz andere Sache und kann auch vielversprechend eingesetzt werden. 

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Linda

In Bielefeld geboren, in Hong Kong aufgewachsen und nun in Düsseldorf und Zürich zu Hause. Ich singe für mein Leben gerne, schreibe, weil es der Seele gut tut und möchte vom Leben vor allem eines: Glücklich sein.

A wise person once said to me:

"Never let it be said that to dream is a waste of one's time. For dreams are our realities in waiting. In dreams, we plant the seeds of the future."

Keep on dreaming until dreams come true!

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