Hassliebe: Die Phantasie

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Was unterscheidet den Menschen vom Tier? Man sagt es sei die Phantasie. Ich war noch nie ein Kamel, kann also nicht beurteilen, ob es sich in Phantastereien verstrickt oder wirklich nur von hier bis zu nächsten Malzeit denkt. Aber lassen wir die These doch einfach so stehen.

Was genau ist sie denn, diese Phantasie? Fragen wir das Internet:

Phantasie bezeichnet eine kreative Fähigkeit des Menschen. (…) Im engeren Sinn als Vorstellungskraft bzw. Imagination ist mit Phantasie vor allem die Fähigkeit gemeint, innere Bilder und damit eine „Innenwelt“ zu erzeugen. (…)  Im heutigen Sprachgebrauch umfasst der Begriff „Phantasie“ in der Regel sowohl die Fähigkeit wie auch das Resultat des „Phantasierens“. Manchmal wird der Begriff auch abwertend gebraucht im Sinne einer Fiktion bzw. eines Hirngespinstes.

Okay. Es geht also um innere Welten, die wir kreieren. Um Bilder, in denen wir Dinge hineininterpretieren und dabei greifen wir auf den Fundus unserer Erlebnisse und Erfahrungen zurück. Wir können dadurch abstrahieren und wissen ganz genau, wie ein Gänseblümchen aussehen würde, wenn es lilafarbene Blütenblätter hätte, obwohl wir es live in dieser Form noch nie gesehen haben. Wir wissen ganz genau, wie der Ball, der eigentlich gepunktet ist, aussehen würde, wenn er Streifen hätte, da wir die Bruchteile aus unserem Erfahrungsfundus zusammenlegen und dadurch neue Dinge schöpfen können. In unseren Gedanken, natürlich. Würde man fünf Personen bitten, das Lila Gänseblümchen zu zeichnen, so hätten wir fünf ähnliche, aber nicht identische Ergebnisse. Manche Blütenblätter wären länger, manche kürzer, manche Farbtöne heller, manche dunkler und manch einer würde den Stil der Blume noch mit einem Blatt verzieren. Wir würden jedoch alle genau wissen, was der andere meint und würden den Auftrag als „erfolgreich bewältigt“ abstempeln. Wahnsinn, wie das funktioniert, findet ihr nicht? Aber mal weg von Bällen und Blümchen.

Es gibt Nächte in denen liege ich wach. Warum? Weil mein Gehirn sich dazu entscheidet, die Antwort auf all die Fragen zu finden, die ich mir stelle. Es sucht sogar Antworten auf Fragen, die ich mir  noch nie bewusst gestellt habe und doch sind sie nun da; die Lücken. Lücken, oder einfach Zusammenhänge, die ich mir nicht zusammenreimen kann und auf die ich keine definitive Antwort weiß. Nun kommt sie ins Spiel. Die Phantasie. Es ist eine Hassliebe, die uns verbindet, denn unser nächtlicher Tango endet manchmal mit einer Siegerschleife und manchmal mit einem gebrochenen Fuß.

Manchmal ist sie die Quelle meiner vielen Ideen und beflügelt mich dazu, am nächsten Tag Dinge zu tun, die mich weiterbringen oder Probleme zu lösen, mit denen ich mich auseinander setzen muss. Manchmal bin ich erstaunt. auf welche Ideen ich komme, wenn ich die menschliche Gabe nutze, auch Eventualitäten einzubeziehen und nicht nur das offensichtliche zu analysieren. Manchmal fühle ich mich wie Picasso und bemale die Leinwand, auf der meine Gedanken stattfinden, mit einer künstlerischen Präzision. Manchmal kann ich mir selbst helfen und manchmal kann ich dadurch anderen helfen.

Ich bin Meister darin, mir schon vorher alles kaputt zu denken.

Doch leider gibt es immer zwei Seiten einer Medaille. Denn wer in die eine Richtung denkt, der kann auch in die andere Richtung denken. Ich bewege  mich gerne in der Welt der Sprichwörter, oder wie ich immer geärgert werde: in der Welt der „schlauen Sprüche“. Es ist doch stets eine Wahrheit dahinter, findet ihr nicht? Ich kann aus Mücken Elefanten machen, aus einem Alltagsproblem eine Katastrophe und aus einer wagen Vermutung eine garantierte Tatsache. Ich habe tausend Pläne einer Zukunft, die ich gerne so erleben würde, doch suche ich mir tausend Gründe, warum es auch ganz anders ausgehen könnte. Dann komm die Angst ins Spiel, da ich nicht mehr genau weiß, welche Option wahrscheinlicher ist: Die meiner Gedankenwelt, oder die auf die die Tatsachen hindeuten? Ich bin Meister darin, mir schon vorher alles kaputt zu denken. Die Phantasie spielt mir gerne tückische Streiche, indem sie durch ihre geschickten Fragen dafür sorgt, dass ich alles und vor allem mich in Frage stelle.

Beispiele? Gerne:

Phantasie: Bist du dir sicher, dass du dich in deiner Wohnung auch wohlfühlen kannst, denn wenn du keine Angst hättest, würdest du doch nicht die Türen zu deinem Schlafzimmer nachts von innen verriegeln, oder nicht? – Schon interpretiere ich das nächste Knacken des Parkettbodens als Schritt eines Stalkers, der nun versucht mich aus meinem Bett zu holen.

Phantasie: Du erreichst deine Mama nicht, obwohl sie doch eigentlich im Auto ist und Zeit zum Telefonieren hätte? Ach, schon seit drei Stunden nicht? Google hat ja einen ziemlich aktuellen Nachrichtendienst… Ich gebe „Unfall Raum Düsseldorf“ in die Suchleiste ein. Ich finde natürlich nichts. Eine halbe Stunde später dann die Erlösung: Schatz, mein Akku war leer. Sorry!

Phantasie: Klar, du hast nun ein paar Lieder geschrieben. Aber das haben viele andere auch. Und du bist dir sicher, dass deine jemals Gehör finden? Warum sollten deine denn besser sein, als die der anderen. Stell dir mal vor, du stehst auf der Bühne, trällerst dein Lied und die Leute haben keine Lust auf Dich. Stell dir mal diese Demütigung vor. Ich fange an alle meine Songs nochmal zu hören und zerreiße sie bis auf’s kleinste Detail. Das geht dann so lange, bis mir jemand eine verbale Ohrfeige verpasst und ich mein kleines Krönchen richte: Hauptsache, ich liebe sie. Kunst is subjektiv. Punkt. Und außerdem, du scheiß Phantasie, die Lieder sind allesamt ein Geniestreich deiner selbst. Also klappe jetzt und bitte im Takt mitwippen.

Gibt es Tatsachen, oder ist alles Interpretation?

Ich frage mich ohnehin immer wieder, ob es überhaupt Tatsache gibt, oder ob das Leben nicht auf Interpretationen basiert. Interpretationen, die mit unserer Gabe der Abstraktion verbunden sind. Ohne nun morbid zu werden (keine Angst, ich bin gerade super happy, voller Elan und *toi toi toi* gesund) ist denn eine Lebewesen tot, sobald der Körper nicht mehr funktioniert und seine Dienste aufgibt? Denn in meiner Phantasie, meiner inneren Gedankenwelt, ist meine Katze Liza, die uns seit Jahren nun  nicht mehr in die Füße beißt, doch noch sehr lebendig. So verhält es sich doch mit vielen Dingen. Wenn man sie anders betrachtet, dann verlagert man sie in einen anderen Zustand und schon ist die vermeintliche Tatsächlichkeit dahin.

Nun geht die Phantasie vermutlich mit mir durch und ich mache hier den vorerst finalen Punkt.

Fakt ist jedoch: glaubt nicht alles, was ihr denkt und traut euch doch zu denken, was ihr nie für möglich gehalten hättet. Mein Ziel steht fest: die Erweiterung des Horizonts außerhalb meines Kopfkinos und die in Zaum Haltung der Spinnereien, die mich in Gewässer führen, die mir Angst machen und mich eher lähmen, als dass sie mich weiterbringen. Wohin das dann tatsächlich führt, das wird die Zeit zeigen 😉

 

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Linda

In Bielefeld geboren, in Hong Kong aufgewachsen und nun in Düsseldorf und Zürich zu Hause. Ich singe für mein Leben gerne, schreibe, weil es der Seele gut tut und möchte vom Leben vor allem eines: Glücklich sein.

A wise person once said to me:

"Never let it be said that to dream is a waste of one's time. For dreams are our realities in waiting. In dreams, we plant the seeds of the future."

Keep on dreaming until dreams come true!

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